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Musik, Tanz und Taiji



Musik ist etwas Wundervolles. Im Chinesischen gibt es den Begriff "Musik" als solches jedoch nicht. Musik wird aus 音 yīn für Ton/Klang und 樂 Yuè für Freude zusammengesetzt. Der Ton/Klang der Freude 音樂 yīnyuè bereitet. Der Zuhörer ist demensprechend Yuèyīn. Der einzelne Ton steht im Vordergrund. In der traditionellen chinesischen Musik begreift man dies schnell. Wenige Töne werden gemeinsam gespielt, es folgt meist Ton nach Ton. Anders als die westliche Musik, in der die Symphonie im Vordergrund steht.


Tanz und Musik liegen nah beieinander. In der Taiji-Szene, besonders bei den Kampfkunstaffinen, wird die tänzerische Komponente von Formen und Bewegung oft als unwichtig, fast abschätzig betrachtet. Form und Bewegung haben Funktion, sollen kämpferisch anwendbar, effektiv sein. Ich selbst genieße die ästhetische Komponente des Taiji sehr. Bewegung zu sehen, als auch sich selbst zu bewegen, bereitet Freude. So wie auch Musik Freude bereitet. Im Taiji sollen die Bewegungen fließend sein. Harmonische Bewegung, die gesund hält. Taiji bedient sich Prinzipien von Kreisen, Spiralen, soll dem Wasser gleichen und spielt in seinen Beschreibungen der Bewegungsbilder mit fantastischen Szenen. Diese Bilder sollen uns die Bewegungsqualität auf visueller ebene nahebringen oder Haptik begreifen lassen. "Stabil wie ein verwurzelter Baum", "still wie ein Berg", "der Kranich berührt das Wasser": Dies sind alles Beschreibungen, die uns den natürlichen Fluss der Natur nahebringen sollen. Sodass wir wieder selbst natürlich werden. Musik macht nichts anderes. Im Spiel mit der GuQin (einem traditionellen chinesischen Instrument) durfte ich dies verstehen.

Das Spiel der GuQin hat drei Tonarten: die Töne der Erde, des Menschen und des Himmels. Ein bekanntes Prinzip, die drei Schätze San Bao 三寶.

Sind wir ein Freund der GuQin, so wie man den Zuhörer der GuQin betitelt, kann sie uns lehren.

Die Töne der Erde sind die ungegriffenen, klaren sieben Seiten der GuQin. Sie sind ganz ursprünglich, wie das Jing 精.

Die Töne des Menschen sind die gegriffenen Seiten und die typische Bewegungen auf den Seiten, die der Bewegung des Qi 氣 ,der Wandlung zwischen Himmel und Erde gleichen.

Die Töne des Himmels sind die Flageoletttöne. Die höchsten Töne der GuQin. Sie gleichen dem nicht greifbaren Shen神 und führen den Menschen in das Überirdische.


Hört man die GuQin mit offenem Herzen und lässt sich von ihr berühren, merkt man wie die verschiedenen Töne das Qi bewegen. Die tiefen Töne der Erde lassen das Qi sinken, die Himmelstöne es steigen und die Töne des Menschen lassen es sich in alle Richtungen bewegen. Aus der westlichen Musik, durch Dur und Moll, ist uns eine klare Zuordnung vom Heben und Senken der Stimmung/des Qi's ebenfalls bekannt.

Musik ergreift und bewegt uns. Was noch alles in der GuQin liegt, kann ich leider nicht sagen, da ich ein vollkommener Laie bin, der vom Klang der GuQin fasziniert ist. Meine bisherigen Erfahrungen und Wissen stammen aus dem Unterricht von Ingo Stoevesandt. Ein großer Dank an dieser Stelle!


Kehren wir zurück zum Taiji und dem Tanz.

Aus der Betrachtung der Musik und ihrer Wirkung, hat die tänzerische Komponente im Taiji durchaus ihre Berechtigung. Üben wir sowohl Taiji als auch QiGong für unsere Gesundheit, ist ein Bewegungsqualität, die in sich stimmig und harmonisch ist, völlig verständlich. Niemand möchte ein Knie, welches nicht gleichgestimmt mit dem restlichen Bewegungsapparat funktioniert. Jeder bewusst wahrgenommene Missklang in der Bewegung hat das Potential uns aufzuwecken. Ein weitere Analogie die ich von meinem GuQin-Lehrer Ingo habe. Er erzählte mir, dass Hildegard von Bingen beschrieben hat, wie der Missklang in mitten der Kirchenlieder den Kirchgänger aufweckt. Zum Schluss des Stückes wird dieser durch den Gleichklang in die Harmonie zurück geführt. Das traditionelle Spiel der GuQin ist eben so aufgebaut. Auf ein klaren Erd-Ton folgt der suchende Menschen-Ton. Mit dem Himmels-Ton findet er die Erleuchtung.


Gleichen wir unsere Bewegung der Musik an, schwingen wir mit dem Außen mit. Wir üben uns darin, uns von den äußeren Impulsen tragen zu lassen. Wir hören zu. Für jeden Kampfkünstler eine unerlässlich Fähigkeit. Wer bereits Schiebende Hände 推手 TouiShu geübt hat, kennt dieses Prinzip. Jeder westlicher Boxer beherrscht dies auch: Sich ganz auf seinen Gegner einzustellen, bis er nicht ganz im Einklang ist und er die Chance sieht, anzugreifen.

Wir lernen mit der Musik das Zuhören und Mitschwingen. Die Freude die dadurch entsteht, ist eine Freude der Verbundenheit. So lernen wir mit der Musik und dem Tanzen, unser Herz berühren zu lassen.

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